Chorkonzert in Walderbach am 12.10.2002

   

Ein bezaubernder Abend der Weltmusik

 

Der bayerische Lehrerchor „a cappella bavarese" gastierte im Barocksaal in Walderbach

 

„Fuffzg Schullehrer san siewazg ganz bsonderne Leit" - dieser Spruch aus dem Volksmund fährt ein wenig liebevoll spöttelnd auf die weit verbreitete Meinung ab, dass Lehrer zumeist rechte Individualisten sind, die schon von Berufs wegen (fast) alles besser wissen und integrationsfähig meist nur dann sind, wenn sie den Ton angeben dürfen.

Dass solche Postulate erstens unter den Begriff Vorurteil gehören und so generell natürlich nicht zu halten sind - ja, davon konnte sich am Samstagabend ein blendend unterhaltener Zuhörerkreis im altehrwürdigen Barocksaal des Klosters Walderbach am Regenfluss überzeugen.

Eine Tour d'Horizon

Auf dem Programmzettel stand der „Lehrerchor Bayern" - a cappella bavarese" mit einer Tour d'Horizon durch Lieder von der Renaissance bis zum Spiritual, von launigen Vertonungen der Gedichte Heinz Ehrhardts und der „schnubigiputamischen" Sprachakrobatik eines Felix Hoerburger bis zu den Beatles und Gesängen aus Südafrika und der Südsee.

Und von wegen „kaum integrationsfähig" - im Gegenteil: 60 wohl disziplinierte Damen und Herren waren da dem „heimischen Katheder entronnen" und hatten sich (mit viel Probenfleiß und gemeinsam Engagement) zu einem homogenen, ausgesprochen musikantisch agierenden gemischten Chor zusammengetan, bei dem das Mittun ganz offensichtlich große Freude bereitet.

Am Ende eines mehrwöchigen Seminars im Fachbereich Musik an der Akademie für Lehrerfortbildung in Dillingen im November 1995 entstand unter den damaligen Teilnehmern der Wunsch, die entstandene Interessengemeinschaft im Rahmen einer Chorgemeinschaft auch weiterhin zu pflegen. Bereits im Mai 1996 bot sich dazu die erste Gelegenheit und die neu entstandene Singgemeinschaft gab auf der Landesgartenschau in Amberg als Lehrerchor Bayern ein viel beachtetes Debüt. In kurzer Zeit begeisterte sich eine beträchtliche Zahl von Kolleginnen und Kollegen für dieses Vorhaben und so konnte bereits im November '96 eine zweite Arbeitsphase in Missen (Allgäu) durchgeführt werden, die mit einem erfolgreichen Konzert abschloss. Es folgten mehrere Konzerte in ganz Bayern, eine Mitwirkung beim traditionellen Adventssingen in Weißenburg sowie Gottesdienstgestaltungen in Freising, in der Stiftskirche der Benediktinerabtei von Niederaltaich und im Kloster Banz.

Höhepunkt der bisherigen Tätigkeit waren zweifellos die Mitwirkung beim internationalen Orff-Symposion in Traunwalchen sowie die Gestaltung der Jahrtagsmesse für den großen bayerischen Komponisten Carl Orff in der Klosterkirche von Andechs. An den Wochenenden traf man sich zu einem reinen Übungsseminar an der Akademie für Lehrerfortbildung und Personalführung in Dillingen. Bis Ostern 1998 leitete Helmut Maschke das Ensemble. Seit November 1998 führt Prof. Reinhold Wirsching die mittlerweile über 50 Sängerinnen und Sänger umfassende Singgemeinschaft, welche die Begeisterung für die Chormusik sowie die inzwischen entstandenen freundschaftlichen Beziehungen aus allen bayerischen Regionen seit nunmehr sieben Jahren zu intensiver Chorarbeit zusammenführt.

Der „Neue" - Reinhold Wirsching also - ist Professor für Musikerziehung am Bruckner-Konservatorium in Linz, hat am Mozarteum in Salzburg studiert und ist ein viel gefragter Pädagoge (seit 1984) am Orff-Institut. Er publiziert und ist gern gesehener Gastdozent bei in- und ausländischen Workshops, Kursen und Seminaren. In den Konzerten von „a cappella bavarese" ist er nicht nur der musikalische Leiter und Dirigent – seine dynamische, eloquent mitreißende Art, seine humorvoll-launigen Moderationen und seine temperamentvolle Körper- und Dirigiersprache fordern (und bekommen) zwingend die ungeteilte Aufmerksamkeit der gut fünfzig Sängerinnen und Sänger. Dabei wirkt er keineswegs aufgesetzt oder gar „überkandidelt" - bei allem überbordenden Temperament geht bei ihm nie der Eindruck der Kompetenz und der Souveränität verloren.

 

   

 

Gewissermaßen zum „sängerischen Anwärmen" für den Chor und als „Amuse gueul" für das Auditorium startete man mit diversen Madrigalen - meist ging's um die Liebe oder den Frühling - von Vulpius, Morley und anderen, jedenfalls war die Renaissance deutlich zu spüren. Exaktheit und Chordisziplin ist da ebenso gefragt wie das Textverständnis der aus dem ganzen Europa des Vorbarocks stammenden Sätze: „April Is in My Mistress Face" aus England beispielsweise oder das temperamentvolle, aus gegeneinander verschobenen Rhythmen zusammengesetzte und gar nicht einfach zu bewältigende Tanzliedchen. „II est bel et bon" aus Frankreich (erste Hälfte des 16. Jahrhunderts).

Was wäre ein noch so modern gestaltetes Chorkonzert ohne die deutsche Romantik? Johannes Brahms oder Felix Mendelssohn-Bartholdy („Waldesnacht" und „Es fiel ein Reif") gehören da unverzichtbar hinein.

Wohl arrangierte Spirituals Ebenso sehr wie wohl arrangierte Spirituals, die zwar im europäischen Satzkleid daherkommen, aber immer eine echte Herausforderung an die Rhythmusfähigkeit eines Chores darstellen - und die wurde tadellos eingelöst! Ein kleiner Wermutstropfen fiel nach der Pause in den ansonsten gut abgeschmeckten musikalischen Cocktail: Felix Hoerburger ist mit seiner ebenso humorvollen wie mit augenzwinkerndem Ernst zu sehenden „schnubigiputamischen" Akrobatik der bayerischen Sprache als Textvorlage eigentlich kaum für ein so großes Vokalensemble geeignet. Da kann noch so gut artikuliert werden - es gehen halt durch die Vielzahl der Sängerinnen und Sänger leider viele pikante Kleinigkeiten dieses bayerischen Kunstidioms verloren. Vielleicht könnte man dieser Gefahr dadurch ein wenig begegnen, wenn jeweils vor dem Lied der Originaltext vorgestellt würde und dadurch wirklich jeder Zuhörer den skurrilen Sprachwitz Hoerburgers für sich aufnehmen könnte. Solches gilt in diesem Fall für die ersten beiden Nummern, deren Vertonung von Edwin Kammerer stammen („Bapseln" und „Blümei"). Das dritte Hoerburger-Stück „Festessen" wurde dann als reiner Sprechgesang gebracht und war recht gut verständlich und ebenso erheiternd wie „Das Lama" des unvergessenen Volkskomikers Heinz Erhardt.

Eigentlich zählt „Ob-La-Di, Ob-La-Da" von Lennon/McCartney heute schon zum Volksgut - wenn es nicht ohnehin von irgendeinem englischen Kinderlied stammt) -, die Fassung von „a cappella bavarese" war jedenfalls schwungvoll und begeisternd - schließlich stand da ja auch in weiten Teilen die „Generation Beatles" auf dem Podium.

 

Musikreise durch die Welt

 

Schließlich ging's wieder auf Welt-Musik-Reise: Creolisch war „Vin danse" aus Tahiti, „Minoi-Minoi" (das vermutlich schönste Stück des Abends war zwar europäisch arrangiert, trotzdem aber zog „Südsee pur" (Samoa) durch die Herzen. Ethno-Songs aus Südafrika im weichen, für den Chorgesang ungemein vorteilhaften Zulu-Dialekt beschlossen den reizvollen Chorabend.

 

Zwei Zugaben (zunächst afrikanisch) und dann eine aus dem amerikanischen Plattenschrank - „Good Night Sweatheart - it's time to go" wiesen elegant aber unmissverständlich auf das unvermeidbare Ende der Veranstaltung hin. Wiedersehen und -hören würden Freude machen! -JR-

 

aus: Chamer Zeitung vom 17.10.2002